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Die große Geschmackslüge: Warum du magst, was du magst

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4–6 Minuten

Individueller Geschmack?

Hand aufs Herz: Wenn du durch deine Wohnung gehst, deinen Kleiderschrank öffnest oder deine Spotify-Playlist durchscrollst – wie viel davon bist wirklich du? Und wie viel davon ist das Ergebnis von Algorithmen, sozialem Druck und cleverem Marketing, das dir seit Jahren einflüstert, was gerade „in“ ist?

Ich stelle dir eine Frage, die mich seit der Lektüre von Ulrich Raulffs neuem Großessay „Wie es euch gefällt“ nicht mehr loslässt. Eine Frage, deren Antwort wir erst am Ende dieses Artikels wirklich finden werden: Wenn unser Geschmack größtenteils nur eine soziale Inszenierung ist, können wir ihn dann überhaupt jemals ablegen, um unser wahres Selbst zu finden?

Es ist eine provokante These zum Einstieg, ich weiß. Aber ich behaupte: Das, was wir stolz unseren „individuellen Geschmack“ nennen, ist oft nur ein gut kuratierter Echoraum fremder Ideen. Aber keine Sorge, das hier wird keine deprimierende Abhandlung über den Verlust der Individualität. Im Gegenteil. Es ist ein Weckruf, den eigenen ästhetischen Kompass neu zu kalibrieren.

Das Diktat der Anderen: Inspiration durch Ulrich Raulff

Der Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff hat mit seinem Buch einen Nerv getroffen. Er seziert das Phänomen Geschmack nicht als eine persönliche Marotte, sondern als eine harte soziale Währung. Inspiriert von Soziologen wie Pierre Bourdieu (dessen Werk „Die feinen Unterschiede“ Pflichtlektüre für jeden ist, der Gesellschaft verstehen will), zeigt Raulff: Geschmack dient der Unterscheidung.

Wir nutzen unseren individuellen Geschmack, um dazuzugehören – und gleichzeitig, um uns abzugrenzen. Wir tragen die richtigen Sneaker, um Teil der „woken“ urbanen Community zu sein, und hören den obskuren Jazz-Podcast, um uns vom Mainstream abzuheben. Geschmack ist ein ständiges Signalfeuer an unsere Umwelt: „Sieh her, ich gehöre zu dieser Gruppe, nicht zu jener.“

Das Fatale daran: In einer globalisierten, digitalen Welt wird dieses Signalfeuer von Algorithmen befeuert. Instagram und TikTok wissen oft vor dir, was dir als Nächstes gefallen wird. Der „Mere-Exposure-Effekt“ aus der Psychologie besagt, dass wir Dinge lieber mögen, je öfter wir ihnen begegnen. Wenn du also zum hundertsten Mal die gleiche minimalistische Einrichtung in deinem Feed siehst, wird dein Gehirn sie irgendwann als „schön“ abspeichern. Ist das noch Freiheit?

individueller Geschmack

Die Erschöpfung durch den Trend-Zwang

Hier kommt der kritische Punkt, an dem ich selbst oft ins Straucheln gerate. Die Jagd nach dem „richtigen“ Geschmack ist anstrengend. Es ist ein Hamsterrad. Was heute als Gipfel der Ästhetik gilt, ist morgen schon „cringe“. Diese Beschleunigung der Trends – von Fast Fashion bis Fast Interior – führt zu einer ästhetischen Erschöpfung.

Wir konsumieren Stile, statt sie zu leben. Wir kuratieren unser Leben für das Außen, statt es für das Innen zu fühlen. Die Gefahr ist, dass wir zu ästhetischen Zombies werden, die nur noch reproduzieren, was der Zeitgeist vorgibt, aus Angst, nicht mehr relevant zu sein. Echter Stil hingegen braucht Zeit zum Reifen. Er braucht Brüche, Fehler und vor allem: Mut zur eigenen Hässlichkeit.

Dein Weg zum ästhetischen Ungehorsam

Wie brechen wir aus diesem Kreislauf aus? Wie entwickeln wir einen individuellen Geschmack, der diesen Namen auch verdient? Es geht nicht darum, Trends komplett zu ignorieren – das wäre auch nur eine Pose. Es geht um Bewusstwerdung.

Hier sind ein paar Impulse, die mir helfen, meinen eigenen Kompass zu finden:

  1. Die „Warum“-Frage stellen: Wenn du das nächste Mal etwas kaufen willst, weil es „schön“ ist, halte inne. Frage dich: Gefällt es mir wirklich, weil es etwas in mir zum Klingen bringt? Oder gefällt es mir, weil ich damit jemand sein möchte, der ich eigentlich nicht bin?
  2. Ästhetisches Fasten: Versuche mal, eine Woche lang keine Einrichtungs- oder Mode-Influencer zu konsumieren. Entziehe dich der visuellen Dauerbeschallung. Was bleibt übrig, wenn der Lärm verstummt?
  3. Suche das Unperfekte: Wahre Schönheit liegt oft im Bruch. Ein geerbtes Möbelstück mit Kratzern hat mehr Charakter als der zehnte skandinavische Design-Klon. Kultiviere das, was die Japaner „Wabi-Sabi“ nennen – die Schönheit im Unvollkommenen.

„Stil ist, zu wissen, wer du bist, was du sagen willst, und es dir egal ist, was der Rest denkt.“ – Gore Vidal (sinngemäß)

Fazit: Die Antwort auf die große Frage

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Wenn Geschmack eine soziale Inszenierung ist, können wir ihn ablegen, um unser wahres Selbst zu finden?

Die Antwort ist: Jein. Und das ist gut so. Wir sind soziale Wesen, wir können nicht im luftleeren Raum existieren. Unser Geschmack wird immer von unserer Umwelt beeinflusst sein.

Aber – und das ist das motivierende Ende dieser Geschichte – wir können die Regisseure dieser Inszenierung werden, statt nur die Statisten zu sein. Wahrer individueller Geschmack entsteht in dem Moment, in dem du dir der sozialen Mechanismen bewusst wirst und dich trotzdem entscheidest. Für das Kitschige, das Laute, das Stille – solange es sich für dich richtig anfühlt.

Sei mutig. Sei ästhetisch ungehorsam.


Weiterführende Links & Ressourcen

Interne Artikel auf RolandWegerer.at:

Externe Recherchen zum Thema:

Podcasts zum Thema:

Videos zum Thema:


Deine Meinung ist gefragt!

Wie stehst du dazu? Fühlst du dich manchmal fremdgesteuert in dem, was dir gefällt, oder bist du dir deines Stils sicher? Hast du schon einmal bewusst gegen einen Trend rebelliert, nur um dich besser zu fühlen?

Schreib mir deine Erfahrungen in die Kommentare – ich bin gespannt auf den Austausch!

Dein Roland

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