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Rituale und Universalien

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5–8 Minuten

Wenn ich mich frage, was uns als Menschen wirklich überall auf der Welt verbindet, lande ich immer wieder bei einer einfachen Szene: Jemand lächelt. Dieses Lächeln kann uns trennen oder verbinden, aber verstanden wird es fast überall – und genau diese Spannung zwischen universell Menschlichem und kultureller Vielfalt hat mich nach dem Hören der SWR-Sendung „Was ist Kultur, was universell menschlich?“ nicht mehr losgelassen.​

In diesem Artikel nehme ich dich mit in meine Gedankenwelt: Was macht uns universell menschlich – und was gestalten wir als Kultur selbst?


Wie mich ein Podcast auf eine alte Frage gestoßen hat

Ich sitze mit Kopfhörern da, höre „Das Wissen“ vom SWR und bleibe an einem Satz hängen: Ein Lächeln wird weltweit verstanden. Alle Kulturen kennen Sitzordnungen, religiöse Rituale, romantische Liebe und sexuelle Tabus. Plötzlich merke ich: Das ist nicht nur eine ethnologische Beobachtung – das ist pures Material für Fragen nach unserem Menschenbild.​

Ein Ethnologe wie Christoph Antweiler spricht in solchen Kontexten von „Universalien“: Mustern, die in allen bekannten Kulturen auftreten, auch wenn sie sich unterschiedlich zeigen. Und ich merke, wie sich das mit dem deckt, worüber ich auf meinem Blog schon länger schreibe: Kultur als unsichtbarer Lebensraum, der unser Denken, Fühlen und Handeln formt.​


Was für mich „universell menschlich“ bedeutet

Wenn ich von „universell menschlich“ spreche, dann denke ich nicht an eine starre Liste, sondern an wiederkehrende Muster, die ich überall entdecken kann – in Linz, in Tokyo, in einem Dorf in Afrika oder in einem Start-up-Büro. Die Forschung nennt als Beispiele:

  • Mimik und Emotionen wie Lächeln, Trauer, Wut, Überraschung
  • Sitzordnungen, die Nähe, Distanz und Machtbeziehungen sichtbar machen
  • Rituale – vom Abendgebet bis zur Geburtstagsfeier
  • romantische Liebe und Regeln, Tabus, Erwartungen rund um Sexualität​

Diese Universalien sind für mich der unterste Boden unseres Menschseins. Doch sie allein erklären nicht, warum wir als Menschen so verschieden denken, fühlen und handeln. Erst die kulturellen Ausformungen – die Geschichten, Symbole, Regeln und Bilder – machen daraus das, was ich in meinem Artikel „Ohne Kultur kein Menschsein“ als unseren „unsichtbaren Lebensraum“ beschrieben habe.​


Wie Kultur meine Wahrnehmung schärft – und begrenzt

Der Podcast hat in mir eine Frage verstärkt, die mich schon lange beschäftigt: Wenn bestimmte Dinge überall vorkommen – warum ist unser Blick auf die Welt dann so verschieden? Die Ethnologie zeigt, dass Menschen in verschiedenen Regionen die Welt unterschiedlich strukturieren: Zeit, Raum, das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, sogar das, was als „rational“ gilt, ist kulturell geprägt.​

Als Ideencoach und Künstler merke ich das täglich:

  • In manchen Gruppen dominiert stark das „Wir“, in anderen die Selbstinszenierung des „Ich“.
  • In manchen Kontexten wird Streit offen ausgetragen, in anderen ist Harmonie oberste Pflicht.
  • Manche sehen Natur als Ressource, andere als Mitwelt.

Das Spannende ist: Unter all dem liegen ähnliche Bedürfnisse – Sicherheit, Zugehörigkeit, Sinn, Orientierung. Die Wege dorthin unterscheiden sich, aber die Grundfragen sind überall da. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Gemeinsamkeit und Unterschied beginnt für mich echte Kreativität.​


Universalien als Werkzeug in meiner Ideenschmiede

In meiner Arbeit – ob in Workshops, im Coaching oder beim Schreiben – nutze ich Universalien immer stärker als stilles Werkzeug. Ich frage mich zum Beispiel:

  • Welches universelle Bedürfnis spricht eine Idee an – Sicherheit, Status, Verbundenheit, Autonomie?
  • Welche Rituale gibt es schon in einem Team – und wie kann ich bewusst neue schaffen, die an universelle Muster andocken?
  • Wo zeigt sich ein Thema auf Mikro-, Meso- und Makroebene zugleich?​

Die Mesoebene – also die Ebene von Gruppen, Organisationen, Communities – ist in meiner Arbeit besonders wichtig. Hier werden Universalien konkret:​

  • Ein Teammeeting wird zum Ritual.
  • Eine Sitzordnung im Raum zeigt Hierarchien.
  • Ein gemeinsam geteiltes Bild der Zukunft motiviert oder lähmt.rolandwegerer

In „Training für den Ideenmuskel“ zeige ich, wie sich kreative Fähigkeiten durch regelmäßige Übungen stärken lassen. Heute würde ich hinzufügen: Wir trainieren damit nicht nur Techniken, sondern wir arbeiten an etwas, das tief menschlich ist – der Fähigkeit, mit Unsicherheit schöpferisch umzugehen, anstatt ihr nur auszuweichen.​


Wo meine Kunst an Universalien andockt

Auf meiner Künstlerseite arbeite ich seit Jahren mit Themen wie Zeit, Kreislauf, Körper und Raum. Projekte wie „Vegetation Circle“ sind für mich nicht nur ästhetische Experimente, sondern Versuche, universelle Prozesse sichtbar zu machen: Wachsen, Vergehen, Wiederkehr.​

Wenn ich zum Beispiel einen Kreis aus Vegetation, Erde oder organischem Material anlege, dann spüre ich darin:

  • etwas Zyklisches (Jahreszeiten, Lebensphasen)
  • etwas Universelles (kein Lebewesen entkommt dem Wandel)
  • etwas Kulturelles (wie wir mit Natur umgehen, ist Ergebnis von Entscheidungen und Machtverhältnissen)

So wird Kunst für mich zu einer Art Labor, in dem Universalien konkret und sinnlich erfahrbar werden. Und gleichzeitig merke ich: Die Deutung dessen, was zu sehen ist, ist wieder kulturell – und persönlich.


Drei Experimente, wenn du selbst Universalien entdecken willst

Weil ich nicht nur theoretisieren, sondern ins Tun kommen will, lade ich dich zu drei kleinen Selbstexperimenten ein, die ich selbst nutze oder genutzt habe:

  1. Universalien-Tagebuch
    Nimm dir sieben Tage Zeit. Jeden Tag notierst du eine Beobachtung, von der du glaubst: „Das könnte universell menschlich sein.“ Das kann ein Lächeln in der Straßenbahn sein, eine Konfliktsituation, ein Ritual im Büro, eine spontane Hilfehandlung. Nach einer Woche schaust du auf deine Liste – du wirst Muster entdecken, die du vorher übersehen hast.
  2. Rituale bewusst setzen
    Überlege dir ein kleines, neues Ritual für deinen Alltag oder dein Team. Das kann ein bewusstes Ankommen im Meeting sein, ein kurzes Dankbarkeits-Ritual am Tagesende oder ein Fixpunkt für kreatives Denken (z.B. 10 Minuten Ideensammlung ohne Bewertung). Solche Mikro-Rituale knüpfen an universelle Bedürfnisse nach Struktur und Verbundenheit an – und können enorm viel in Bewegung setzen.
  3. Perspektivenwechsel-Übung
    Nimm ein aktuelles Thema, das dich gerade beschäftigt – privat oder gesellschaftlich. Stell dir vor, du würdest es aus der Perspektive einer Person in einem anderen Kulturkreis betrachten. Was daran wäre wahrscheinlich ähnlich (z.B. Sorge, Hoffnung, Ärger)? Was wäre wahrscheinlich anders (z.B. Normen, Werte, Status)? Diese Übung passt wunderbar zu dem, was ich in meinem Artikel zu „Achtsamkeit und Kreativität“ beschreibe: präsent sein, bevor man urteilt.rolandwegerer

Warum mich die Frage nach dem Universellen so schnell nicht loslassen wird

Für mich ist die Frage „Was ist universell menschlich?“ keine akademische Spielerei, sondern ein Kompass in einer Zeit, in der Polarisierung, Missverständnisse und Überforderung zunehmen. Wenn ich weiß, welche Grundmuster wir teilen, kann ich:

  • empathischer zuhören
  • Konflikte anders lesen
  • kreativer Brücken bauen zwischen Menschen, Disziplinen, Kulturen

Gleichzeitig bewahrt mich das Wissen um Universalien davor, kulturelle Unterschiede plattzubügeln. Es geht nicht darum, alles gleichzumachen, sondern darin, die tieferen Resonanzen zu erkennen, die uns verbinden – und bewusst, kreativ und verantwortungsvoll mit den Unterschieden umzugehen.​

Am Ende bleibe ich bei dem Bild, mit dem dieser Artikel begonnen hat: Jemand lächelt. Ob dieses Lächeln Nähe, Höflichkeit oder Unsicherheit bedeutet, ist kulturell und individuell verschieden – aber dass es überhaupt als Zeichen gelesen wird, ist ein Hinweis auf etwas Universelles in uns. Und genau dort setze ich mit meiner Arbeit als Ideencoach, Künstler und Autor an.




Passende Podcasts

„Das Wissen | SWR“ (Podcast-Reihe): https://open.spotify.com/show/76IHUGox6bXwXrCjDW63a1 deutschepodcasts

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