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Erfüllung durch Beobachtung: Wenn Schauen genug ist



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In St. Peter-Ording musste ich aus dem Blick aufs Meer zunächst einmal gar nichts machen.

Erfüllung durch Beobachtung bedeutete für mich, präsent zu sein: die Bewegung der Wellen wahrzunehmen, dem Wind im Dünengras zuzusehen und in einer Situation aufzugehen. Aus dieser Ruhe entstand später die Lust, mit meiner Kamera zu experimentieren. Aber der Moment musste sich nicht erst durch ein gutes Foto rechtfertigen.

Nach Hamburg: endlich nicht weiter müssen

Ich hatte Herbstferien und war vor meinem Ausflug an die Nordsee zwei Tage in Hamburg gewesen. Die Tage in der Stadt waren anstrengend, die Anreise ebenfalls. Als ich in St. Peter-Ording ankam, lag also nicht einfach ein entspannter Urlaubstag hinter mir.

Die Nordsee war schon lange ein Traumziel von mir. Nicht zum Baden und auch nicht für einen klassischen Sommerurlaub. Mich hatten die Bilder aus Dokumentationen und Filmen angezogen: Dünen, lange Gräser, die Bewegung des Wassers und dieser etwas rauere Charakter des Meeres.

Nun war ich selbst dort.

Ich betrachtete die Weite, die Menschen am Strand und das Gras im Wind. Ich war dabei, ohne etwas organisieren oder beeinflussen zu müssen. Die Rolle des Beobachters genügte mir.

Das war kein Rückzug aus dem Geschehen. Ich erlebte es eher umgekehrt: Gerade weil ich nichts von der Situation verlangte, konnte ich mich auf sie einlassen.

Wenn kleine Bewegungen zu Ereignissen werden

Der Wind strich durch das Dünengras. Die Halme neigten sich, richteten sich wieder auf und folgten der nächsten Bewegung. Auf dem Wasser veränderten sich Formen und Licht. Menschen gingen am Strand entlang.

Nichts davon geschah für mich. Ich musste auch nichts dazu beitragen.

Je länger ich hinsah, desto mehr nahm ich wahr. Eine Wellenbewegung war nicht mehr bloß Hintergrund. Die Bewegung der Halme wurde zu etwas, bei dem ich bleiben konnte. Meine Wahrnehmung schien feiner zu werden, ohne dass ich mich besonders anstrengen musste.

Mit Stille meine ich dabei nicht die Abwesenheit von Geräuschen. Das Meer war in Bewegung, der Wind ebenfalls. Still wurde eher mein Verhältnis dazu: Ich musste nicht sofort weiter, nichts vergleichen und keinen nächsten Punkt abhaken.

In meinem Beitrag über Aufmerksamkeit, Sinn und Orientierung beschäftige ich mich damit, wie sich der eigene Faden zwischen vielen Reizen schützen lässt. Am Strand war diese Frage für mich sehr konkret: Ich blieb bei dem, was vor mir lag, statt schon beim Nächsten zu sein.

Erfüllung durch Beobachtung: Mir fehlte gerade nichts

Wenn ich diese Erfahrung als Erfüllung beschreibe, meine ich keinen großen Glücksmoment. Es war ruhiger.

Ich war präsent und ging in der Situation auf. Die Distanz zwischen mir und dem, was ich beobachtete, schien kleiner zu werden. Am ehesten lässt es sich als Schwebezustand beschreiben: Die Zeit war noch da, aber sie drängte nicht.

Mir fehlte gerade nichts.

Das unterscheidet diese Erfahrung für mich von Langeweile. Ich wartete nicht darauf, dass endlich etwas Interessantes passieren würde. Es war bereits interessant genug. Das Einfache musste nicht erst durch ein besonderes Ereignis aufgewertet werden.

Hier berührt sich mein Erlebnis mit dem Gedanken aus „Ma: Warum Leerräume Kreativität ermöglichen“: Ein freier Zeitraum muss nicht sofort mit einer neuen Anforderung gefüllt werden. Auch nicht mit der Anforderung, daraus nun unbedingt eine kreative Idee zu gewinnen.

Ich möchte aus meinem Ausflug deshalb kein Rezept machen. Die Nordsee hat mir keinen Zustand geliefert, den ich seither nach Belieben einschalten könnte. Aber ich habe dort erlebt, dass Beobachten für sich genommen genug sein kann.

Helles Gebäude auf hohen Holzpfählen mit Treppenanlage im Wasser, dahinter ein flacher Horizont und weiter Himmel.
Die offene Bildfläche lässt dem einzelnen Gebäude und dem Blick Zeit.

Mit der Kamera Zeit gestalten

Aus dem Schauen entstand schließlich die Lust, zu fotografieren.

Ich nahm meine digitale Spiegelreflexkamera zur Hand und begann auszuprobieren. Perspektiven, Bildausschnitte, Belichtungszeiten und andere Einstellungen bekamen wieder Raum. Möglichkeiten, die mir vertraut waren, für die ich mir im Alltag aber viel zu selten Zeit nahm.

Die Kamera war nicht bloß ein Werkzeug, um möglichst rasch eine Erinnerung zu sichern. Sie wurde zum Spielraum.

Besonders beschäftigte mich die Zeit. Wie lässt sich Bewegung zeigen? Was verändert sich, wenn ich einen kurzen Augenblick herausgreife oder eine längere Dauer in ein Bild aufnehme?

Technisch eröffnet die Belichtungszeit unterschiedliche Darstellungen: Eine kurze Belichtung kann Bewegung einfrieren, eine längere kann Bewegungsspuren sichtbar machen. Wer damit selbst experimentieren möchte, findet in den Tipps zur Wasserfotografie von Canon anschauliche Beispiele für Wellen und bewegte Wasseroberflächen. Es ist ein Herstellerbeitrag mit Produktverweisen; hilfreich ist hier vor allem der Vergleich der Bildwirkungen.

Mich interessierte an diesem Tag nicht nur die technische Seite. Das Spiel mit fotografischer Zeit passte zu meinem eigenen Erleben. Während ich mich weniger getrieben fühlte, konnte ich untersuchen, wie unterschiedlich sich ein zeitlicher Verlauf darstellen lässt.

Zeit und Bewegung beschäftigen mich auch in meiner künstlerischen Arbeit. In der Videoperformance „Obstacles“ werden vorwärts und rückwärts laufende Bewegungsabläufe überlagert. Dort wird Zeit durch die Montage bearbeitet; am Meer wurde sie für mich über die Kamera und das Beobachten wieder zum Gegenstand des Spiels.

Auch meine Installation „Vegetation Circle“ macht zeitliche Veränderungen zum Thema: Abgedeckte und wieder freigelegte Grasflächen zeigen unterschiedliche Vegetationszustände. Der Zusammenhang liegt für mich nicht darin, dass ein Strandspaziergang bereits ein Kunstprojekt wäre. Er liegt im Interesse an Veränderungen, die erst sichtbar werden, wenn ich ihnen Zeit gebe.

Menschen als dunkle Silhouetten am Strand im Gegenlicht; über ihnen fliegen Drachen mit langen Bändern.
Beobachten bedeutet hier nicht Abwesenheit, sondern eine andere Form der Teilnahme.

Nicht jeder Moment muss etwas hervorbringen

Natürlich ist es ein Widerspruch, über das Nichtverwerten eines Moments einen Blogartikel zu schreiben und Fotografien zu zeigen.

Ich sehe darin aber einen Unterschied: Ich kann später etwas mit einer Erfahrung machen, ohne schon währenddessen etwas aus ihr machen zu müssen.

Am Strand war das Fotografieren eine Möglichkeit, keine Verpflichtung. Es entstand aus Interesse. Ich konnte ausprobieren, ohne daraus sofort eine Aufgabe mit einem festgelegten Ergebnis zu machen.

Diese Unterscheidung ist mir wichtig. Sobald aus dem Beobachten eine Methode wird, die zuverlässig bessere Bilder oder neue Ideen liefern soll, steht schon wieder eine Erwartung daneben.

Dann müsste selbst das ziellose Schauen seine Leistung nachweisen. Ein erstaunlich fleißiges Nichtstun wäre das.

In meinem Text über das Loslassen von Perfektionsdruck unterscheide ich zwischen sorgfältigem Arbeiten und dem Anspruch, ein unangreifbares Ergebnis herzustellen. Am Meer ging es mir noch um etwas davor: Ich durfte spielen, bevor überhaupt feststand, was daraus werden sollte.

Was ich dafür im Alltag liegen lasse

Mitgenommen habe ich nicht nur Fotos. Ich habe mir den genaueren Blick mitgenommen – und die Bereitschaft, ihm Zeit einzuräumen.

Das klingt zunächst angenehm. Es hat allerdings eine ziemlich nüchterne Konsequenz: Diese Zeit steht dann nicht gleichzeitig für alles andere zur Verfügung.

Manchmal habe ich sie anderswo eingespart. Manchmal habe ich weniger Tagespunkte erledigt.

Ich möchte das nicht als mühelose Veränderung beschreiben. Es war eine Verschiebung meiner Prioritäten. Nicht jede Aufgabe lässt sich streichen. Aber ich muss auch nicht jede freie Stelle vorsorglich mit einer weiteren füllen.

Vielleicht lässt sich die Erfahrung am ehesten in einem kleinen Versuch weitergeben:

Such dir einen Ort, an dem sich etwas bewegt. Blätter vor einem Fenster, Schatten an einer Wand, Wasser in einer Pfütze. Bleib eine Weile dabei, ohne sofort zu fotografieren. Nicht als Konzentrationstest und nicht mit dem Auftrag, etwas Besonderes entdecken zu müssen.

Wenn du anschließend Lust bekommst, ein Bild zu machen, eine Linie zu zeichnen oder etwas auszuprobieren, kannst du dem folgen. Wenn nicht, muss nichts ergänzt werden.

Auch Unruhe darf dabei auftauchen. Mein Erlebnis an der Nordsee ist kein Maßstab dafür, wie sich Beobachten für andere anfühlen soll.

Ich habe mir von diesem Ausflug nicht vorgenommen, mehr zu schaffen.

Eher, manches länger anzusehen.

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