Bei kreativen Gruppengesprächen entstehen oft viele Beiträge – aber nicht unbedingt viele unterschiedliche Ideen.
Die 6-3-5-Methode verlagert die erste Ideenphase vom Reden aufs Schreiben: Sechs Personen entwickeln jeweils drei Ideen in fünf Minuten und reichen ihre Blätter anschließend weiter. So werden vorhandene Vorschläge aufgegriffen, verändert und weitergedacht.
Was ist die 6-3-5-Methode?
Die 6-3-5-Methode ist eine strukturierte Form des Brainwritings. Ursprünglich arbeiten sechs Personen mit je drei Ideen und sechs Runden zu je fünf Minuten. Dadurch können theoretisch bis zu 108 Einträge entstehen – in der Praxis hängt die tatsächliche Zahl von Wiederholungen, freien Feldern und der konkreten Durchführung ab.
Die Methode wird Bernd Rohrbach zugeschrieben, der sie in den 1960er-Jahren entwickelte. Eine ausführliche Beschreibung mit historischem Hinweis bietet die Hochschule Luzern zur 6-3-5-Methode.
Der entscheidende Unterschied zum klassischen Brainstorming: Die Ideen werden zunächst still und schriftlich entwickelt. Niemand muss sich in den Gesprächsraum drängen, um überhaupt vorzukommen.
Wofür eignet sich die Methode?
Die 6-3-5-Methode passt besonders zu kreativen Aufgaben, bei denen mehrere Varianten gebraucht werden:
- Entwicklung eines Ausstellungstitels.
- Ideen für eine fotografische Serie.
- Gestaltung eines Plakats.
- Weiterentwicklung eines Workshopformats.
- Konzepte für eine Performance.
- Themen für eine Publikation.
- neue Nutzungsmöglichkeiten für vorhandenes Material.
- Ideen für eine gemeinsame Installation.
Sie eignet sich weniger für Situationen, in denen zuerst Informationen gesammelt, ein Konflikt geklärt oder eine Entscheidung getroffen werden muss. Die Methode erzeugt Ideen – sie ersetzt keine Recherche und keine spätere Auswahl.
So funktioniert die Methode
1. Eine präzise Frage formulieren
Die Ausgangsfrage sollte offen, aber nicht beliebig sein.
Ungünstig:
Wie können wir kreativer werden?
Besser:
Wie könnte eine Ausstellung über Erinnerungen gestaltet sein, ohne ausschließlich mit Fotografien zu arbeiten?
Oder:
Wie lässt sich ein unvollendeter Entwurf in ein eigenständiges Werk verwandeln?
Eine gute Frage gibt eine Richtung vor, lässt aber mehrere Antworten zu.

2. Das Arbeitsblatt vorbereiten
Jede Person erhält ein Blatt mit sechs Zeilen und drei Spalten. Jede Zeile steht für eine Runde, jede Spalte für eine Idee.
Zusätzlich sollten bereitliegen:
- Stifte;
- eine sichtbare Aufgabenstellung;
- ein Timer;
- eine Ablage oder Wand für die spätere Sichtung.
Die Methode funktioniert analog besonders unmittelbar. Sie kann aber auch digital umgesetzt werden, wenn die Dateien oder Arbeitsflächen zuverlässig weitergereicht werden können.
3. Drei Ideen in fünf Minuten notieren
In der ersten Runde schreibt jede Person drei Ideen auf das eigene Blatt.
Dabei gilt:
- nicht diskutieren;
- nicht kommentieren;
- nicht erklären;
- nicht auf sprachliche Perfektion warten;
- auch vorläufige oder ungewöhnliche Ansätze notieren.
Die erste Runde muss keine fertigen Konzepte hervorbringen. Sie liefert Rohmaterial.

4. Die Blätter weitergeben
Nach fünf Minuten werden die Blätter weitergereicht. Jede Person liest das neue Blatt und ergänzt drei weitere Ideen.
Diese Ideen können:
- völlig neu sein;
- eine vorhandene Idee verändern;
- zwei Vorschläge verbinden;
- einen Ansatz konkreter machen;
- eine ungewöhnliche Richtung weiterverfolgen.
Wichtig ist, dass nicht nur kopiert wird. Die Methode lebt davon, dass Gedanken wandern und dabei ihre Form verändern.

5. Die Runden wiederholen
Der Ablauf wird wiederholt, bis jedes Blatt alle vorgesehenen Stationen durchlaufen hat.
Bei der klassischen Variante sind das sechs Runden. Bei kleineren oder größeren Gruppen kann die Struktur angepasst werden. Dann sollte jedoch transparent benannt werden, dass es sich um eine angepasste 6-3-5-Variante handelt.
6. Ideen sichtbar machen
Am Ende werden alle Blätter ausgelegt oder aufgehängt. Ähnliche Ideen können gruppiert werden.
Erst jetzt beginnt die Bewertung:
- Welche Ideen tauchen mehrfach auf?
- Welche Vorschläge überraschen?
- Welche Ansätze lassen sich verbinden?
- Welche Idee hat künstlerisches oder praktisches Potenzial?
- Welche Variante kann schnell ausprobiert werden?
Die ZHAW beschreibt Brainwriting ebenfalls als schriftliche Ideensammlung, bei der die Vorschläge anschließend gemeinsam weiterentwickelt und besprochen werden.zhaw

Ein Beispiel aus der Kunst
Eine Gruppe möchte eine kleine Ausstellung zum Thema „Nähe und Distanz“ entwickeln.
Die Ausgangsfrage lautet:
Wie kann eine Ausstellung Nähe und Distanz erfahrbar machen, ohne das Thema nur zu erklären?
In der ersten Runde entstehen beispielsweise:
- eine Installation aus unterschiedlich weit entfernten Stimmen;
- Fotografien, die nur Ausschnitte zeigen;
- ein Raum, den Besucher:innen nur einzeln betreten;
- transparente Stoffbahnen zwischen den Werken;
- eine Ausstellung, bei der sich die Perspektive durch Bewegung verändert;
- Briefe, die nur fragmentarisch lesbar sind.
In den folgenden Runden werden diese Ideen weiterentwickelt. Aus den Stimmen entsteht vielleicht ein Hörraum. Aus den Stoffbahnen wird eine bewegliche Raumstruktur. Aus dem einzelnen Betreten entwickelt sich eine Ausstellung mit bewusst begrenzter Besucher:innenzahl.
Die Methode produziert nicht automatisch ein fertiges Ausstellungskonzept. Sie bringt unterschiedliche Denkbewegungen zusammen, ohne dass die Gruppe sofort auf die erste brauchbare Idee festgelegt ist.
Warum schriftliches Arbeiten hilfreich ist
Im Gespräch reagieren Menschen häufig auf das, was gerade gesagt wurde. Das kann produktiv sein, führt aber auch dazu, dass frühe Ideen den weiteren Verlauf dominieren.
Die schriftliche Form schafft andere Bedingungen:
- Jede Person beginnt mit einer eigenen Denkspur.
- Ideen müssen nicht sofort sprachlich verteidigt werden.
- Leisere Beiträge bleiben sichtbar.
- Die Gruppe kann auf mehreren Gedanken gleichzeitig aufbauen.
- Einfälle werden nicht nur von der Gesprächsdynamik bestimmt.
Das heißt nicht, dass Brainwriting automatisch gerechter oder besser ist. Auch schriftliche Verfahren können durch Zeitdruck, Aufgabenstellung oder Gruppenkultur begrenzt werden. Sie verändern aber die Bedingungen der Beteiligung.
Eine kompakte Durchführung
Für eine kleine kreative Session reichen oft 45 bis 60 Minuten:
- 5 Minuten: Aufgabe erklären und Frage schärfen.
- 30 Minuten: sechs Runden mit je fünf Minuten.
- 10 Minuten: Ideen auslegen, lesen und gruppieren.
- 10 Minuten: interessante Ansätze auswählen.
- 5 Minuten: einen nächsten Test vereinbaren.
Wenn die Gruppe kleiner ist, kann die Zahl der Runden reduziert werden. Wenn weniger Zeit vorhanden ist, sollte nicht einfach die Lesezeit gestrichen werden. Ohne Sichtung bleibt die Ideenmenge lediglich Papierstapel mit Ambitionen.
Typische Fehler
Die Frage ist zu allgemein
„Entwickelt etwas Kreatives“ lässt zu viele Richtungen offen. Eine konkrete Situation führt zu brauchbareren Vorschlägen.
Die Ideen werden zu früh bewertet
Wenn bereits in der ersten Runde diskutiert wird, verändert sich die Methode in Richtung Gespräch und verliert einen wesentlichen Vorteil.
Die Weitergabe wird nicht erklärt
Alle Beteiligten sollten wissen, ob sie neue Ideen ergänzen, bestehende verändern oder beides tun dürfen. Beides ist möglich, aber es sollte nicht dem Zufall überlassen werden.
Wiederholungen werden sofort gestrichen
Eine ähnliche Idee kann zeigen, dass ein Gedanke relevant ist. Erst bei der späteren Clusterung wird entschieden, ob Vorschläge zusammengehören.
Es gibt keine Auswahlphase
Die Methode endet nicht bei 108 Einträgen. Erst die Sichtung, Auswahl und Erprobung machen aus Ideen einen kreativen Prozess.
Kleine Variante für Einzelpersonen
Allein lässt sich die klassische Methode nicht vollständig durchführen. Du kannst aber das Prinzip übernehmen:
- Formuliere eine kreative Frage.
- Notiere drei Ideen in fünf Minuten.
- Wechsle bewusst die Perspektive, etwa zu „Material“, „Raum“, „Publikum“, „Zufall“ oder „Gegenteil“.
- Entwickle jeweils drei neue Varianten.
- Wiederhole den Prozess fünf- oder sechsmal.
- Markiere nicht die schönste, sondern die interessanteste Abweichung.
- Setze eine Variante als kleinen Versuch um.
So entsteht ein schriftlicher Dialog zwischen verschiedenen Denkweisen.
Mini-Übung
Nimm ein vorhandenes kreatives Projekt und formuliere eine „Wie könnte ich …?“-Frage.
Beispiel:
Wie könnte ich meine nächste Bildserie entwickeln, ohne neue Materialien zu kaufen?
Arbeite anschließend drei Runden:
- Runde 1: drei spontane Ideen.
- Runde 2: drei Ideen aus der Perspektive des Materials.
- Runde 3: drei Ideen aus der Perspektive des Publikums.
Wähle danach eine Idee aus, die sich innerhalb eines Tages als Skizze, Versuch oder Mini-Prototyp umsetzen lässt.

Verbindung zu anderen Methoden
Die 6-3-5-Methode eignet sich vor allem für die Ideengenerierung. Danach kann eine andere Methode übernehmen:
- SCAMPER verändert einen ausgewählten Entwurf systematisch.
- Mind Mapping ordnet Themen und Verbindungen.
- SWOT hilft bei einer ersten Einschätzung.
- Ishikawa untersucht Ursachen, wenn ein Projekt an einem konkreten Problem hängt.
- Hansei: Reflexion und Entwicklung unterstützt die bewusste Rückschau auf den Prozess.
- Kaizen: Kleine Schritte passt zum Übergang von der Idee zum überschaubaren Experiment.
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Kurz gesagt
Die 6-3-5-Methode macht aus einer Gruppe kein Ideenorchester, in dem alle gleichzeitig möglichst originell klingen müssen. Sie schafft zunächst Ruhe, Struktur und eine faire Verteilung des Denkraums.
Ihr Wert liegt nicht nur in der möglichen Menge an Ideen. Entscheidend ist, dass Gedanken weitergegeben, verändert und miteinander verbunden werden.
Eine Idee muss nicht fertig sein, um eine gute nächste Idee auszulösen.





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